Rocker in Bregenz

... im Juni 2024 ...

Darf ein Classic-Rock-Sozialisierter in die Oper gehen?

Eine Untersuchung mit Todesfällen, Sonnenuntergang und fehlenden Gitarrensoli

Denken wir einmal in Ruhe – also so ruhig, wie es ein Mensch kann, der in den 1970er-Jahren mit Classic Rock sozialisiert wurde – über eine grundsätzliche Frage nach:

 

Darf ich eigentlich in die Oper gehen?

Oder ist das ungefähr so passend, wie mit einer Lederjacke zur Teestunde der Queen zu erscheinen?

Alles begann, wie so viele Lebenskrisen, völlig harmlos.

2018. Bregenz. Die Festspiele.

Ein Krimi mit dem unauffälligen Namen Carmen. Ich dachte mir: Krimi kenne ich, Bühne sehe ich gern, und wenn Musik läuft, schadet das ja grundsätzlich nicht.

Carmen spielt in Sevilla, wo eine Frau namens Carmen in einer Zigarettenfabrik arbeitet – was bereits alles über die damaligen Sicherheitsstandards aussagt. Sie ist unabhängig, freiheitsliebend und allergisch gegen Besitzansprüche. Kurz gesagt: eine walking red flag für jeden Opernmann.

Einer dieser Männer ist Don José. Soldat. Ordentlich. Angepasst. Ein Mann, bei dem selbst der Begriff „mustergültig“ einschläft. Dann sieht er Carmen – und beschließt innerhalb weniger Minuten, sein gesamtes Leben fachgerecht zu entsorgen.

Karriere? Weg.

Moral? Weg.

Vernunft? Sofort beurlaubt.

Carmen wiederum reagiert auf Besitzansprüche etwa so begeistert wie auf Zahnschmerzen ohne Betäubung und wendet sich bald einem Torero zu, der Escamillo heißt und beruflich stirbt – was immerhin Stil hat.

Don José, emotional inzwischen ein Trümmerfeld mit Uniform, verfolgt Carmen bis vor die Stierkampfarena, bittet sie, zurückzukommen, und bekommt eine höfliche, aber endgültige Absage.

Er reagiert darauf wie viele Opernhelden vor ihm: mit einem Messer, zumindest in der Originalstory.

Auf der Seebühne in Bregenz wird Carmen ganz lapidar ertränkt.

 

Fazit:

Ein spannender Krimi.

Ein bisschen Tatort, nur mit mehr Gesang und weniger Spurensicherung.

Der Rocker fand’s: okay.

Einige Jahre später, 2024, zweiter Versuch.

Man lernt ja aus Fehlern – oder wiederholt sie konsequent. Diesmal Der Freischütz, inklusive Anreise per Boot. Wer mit dem Schiff zur Oper fährt, ist innerlich ohnehin schon verloren.

Die Handlung:

Max will Agathe heiraten. Dafür muss er einen Probeschuss bestehen. Unglücklicherweise trifft Max momentan nicht einmal die eigene Zukunft.

Also lässt er sich von Kaspar überreden, magische Freikugeln zu gießen – mit Hilfe des Teufels persönlich, was organisatorisch erstaunlich unkompliziert abläuft.

Sechs Kugeln treffen garantiert.

Die siebte gehört dem Teufel.

Ein faires Angebot, wie man es sonst nur von Handyverträgen kennt.

Beim entscheidenden Schuss fliegt die siebte Kugel auf Agathe zu –

doch höhere Mächte greifen ein, lenken sie um, und Kaspar wird getroffen.

Kaspar stirbt.

Der Teufel ist beleidigt.

Max bekommt Bewährung.

Alle sind zufrieden – vor allem das Publikum, weil diesmal nicht die Frau sterben musste.

 

Die Inszenierung?

Teuflisch gut.

Das Bühnenbild irgendwo zwischen düsterem Horrorfilm und dem Albtraum eines Innenarchitekten mit Hang zu Nebelmaschinen.

Und damit zurück zur Ausgangsfrage:

Natürlich darf ein Classic-Rock-Liebhaber an die Seebühne nach Bregenz.

Denn neben tatortreifen Geschichten und monumentalen Bühnenbildern gibt es dort auch einen beeindruckenden Sound.

Nur eines habe ich vermisst: Gitarrensoli.

Aber das kann man ja noch nacharbeiten.

Am Sonnenuntergang über dem Bodensee hingegen braucht niemand mehr zu arbeiten.

Der ist perfekt.

 

Südkurier Nr. 165, Freitag, 19.7.2024

P.S.: … und vielen Dank an Helga und Kiki, die meine vollkommen unsachgemäßen Kommentare einfach freundlich ignorierten …

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