Metz oder Der Drache, der leider keine Punkte holt
... im April 2026 ...Es gibt Reisen, die plant man aus kulturellem Interesse.
Man besucht Museen, bewundert gotische Fenster und isst regionale Spezialitäten. Und dann gibt es Reisen nach Metz, die ausschließlich dem Zweck dienen, einen Fußballverein beim Versuch zu beobachten, der sich nicht zum ungefähr siebten Mal aus der Liga verabschieden will.
Wir fuhren also wieder nach Metz. „Wieder“ ist hierbei ein wichtiges Wort, denn Wiederholung erzeugt Routine, und Routine ist bekanntlich die Mutter aller schlechten Entscheidungen.
Mein französischer Lieblingsschwager Laurent – ich besitze nur diesen einen aus Frankreich, was die internationale Konkurrenzlage angenehm entspannt – hatte den dringenden Wunsch geäußert, dass der FC Metz in dieser Saison ausnahmsweise nicht absteigt. Ein Wunsch, der in Metz ungefähr dieselbe optimistische Kraft entfaltet wie der Versuch, mit einem Regenschirm einen Monsun aufzuhalten.
Ich selbst hatte ein ganz eigenes Motiv: Ich wollte endlich mal wieder Kevin Trapp beim Spielen sehen. Er stand nämlich theoretisch im Kader von FC Paris.
Zusätzlich reiste Ludwig aus Bonn an. Warum genau, ist bis heute ungeklärt. Fußballerisch ließ sich seine Anwesenheit jedenfalls nicht begründen. Vermutlich war ihm langweilig, oder Bonn war gerade geschlossen.
Die Logistik dieser Reise war ebenfalls von bestechender Eleganz. Unsere drei Frauen reisten jeweils mit ihren beiden Schwestern an, was mathematisch zu interessanten Debatten führte.
Am Ende waren wir zu sechst, was beweist, dass Familienarithmetik einer eigenen Wissenschaft unterliegt.
Zurück zum Fussball: Der FC Metz brauchte nunmal Unterstützung. Und wer könnte besser helfen als ein Drache?
Hier betritt der große lokale Star die Bühne: Graoully, in intimen Kreisen auch Grauli genannt. Dieser Drache terrorisierte einst im 3. Jahrhundert die Stadt, wohnte im römischen Amphitheater und fraß bevorzugt die Jugend. Ein Hobby, das aus heutiger Sicht karrieretechnisch eher schwierig wäre.
Schließlich wurde er von Clemens von Metz, dem ersten Bischof der Stadt, mit dessen Stola gefesselt und in die Seille entsorgt. Eine Problemlösung, die erquicklich direkt wirkt und offensichtlich aus der Mode gekommen ist.
Man sollte meinen, damit sei die Geschichte beendet. Aber nein. In Metz ist der tote Drache präsenter als manche lebende Einwohner.
- Er hängt über Straßen.
- Er sitzt auf Einkaufstaschen.
- Er prangt im Stadtlogo.
- Er ist Maskottchen des Vereins.
Er schaut einen aus jeder Ecke an, als wolle er sagen: „Ich war zwar tot, aber ich bin immer noch das Erfolgsmodell dieser Stadt.“
Besonders eindrucksvoll ist die Rue Taison, deren Name angeblich von „Taisons-nous“ stammt – „Seid still!“, was man rief, wenn Graoully durch die Gassen zog. Heute ruft man dort vermutlich eher: „Beeilt euch!“
Denn aus dieser Reise wurde eine weitere große Erkenntnis geboren:
„Je schneller desto Monaco.“
Das ist kein philosophischer Satz, sondern eine Überlebensstrategie. Wer beim Ausschank nicht schnell genug ist, bekommt kein Monaco mehr – jenes wunderbare Getränk, das die Fans des FC Metz offenbar mit einer Hingabe konsumieren, die der Mannschaft auf dem Platz manchmal fehlt.
Und geholfen hat der Drache natürlich nicht.
Metz verlor. Schlecht für Laurent.
Kevin Trapp spielte gar nicht erst. Schlecht für mich.
Nur Ludwig hatte einen wunderbaren Fußballtag, was seine Anwesenheit im Nachhinein nicht erklärt, aber immerhin rechtfertigt.
So endete unsere Reise wie viele Fußballreisen: ohne sportlichen Erfolg, ohne persönlichen Erkenntnisgewinn, aber mit einem neuen Motto und der beruhigenden Gewissheit, dass in Metz selbst tote Drachen präsenter sind als Siege.
Aber immerhin: Den Mädels hat es gefallen.
