Lego im Kloster
... im Dezember 2025 ...Lego im Kloster Eberbach und die Frage der Erlösung.
Spielzeug und Religion.
Geht das?
Diese Frage stand am Anfang unserer Expedition, die Karlheinz und ich mit dem Ernst zweier Männer unternahmen, die weder wussten, was sie suchten, noch ahnten, was sie finden würden. Der Titel der Ausstellung lautete „Flashback“, was wir zunächst für eine medizinische Warnung hielten, dann aber als Herausforderung verstanden: Wer Flashback sagt, muss auch Erinnerung ertragen können.
Das Abenteuer beginnt
Wir brachen auf aus Bergen-Enkheim, jener Gegend, die von den meisten Navigationssystemen nur widerwillig zur Kenntnis genommen wird. Irgendwie gelangten wir auf die A66, was bereits als Erfolg zu werten ist, und bogen dann irgendwo bei Wiesbaden rechts ab – eine Richtung, die in Deutschland traditionell entweder zu Klöstern oder zu Baumärkten führt. In unserem Fall: zum Kloster Eberbach, lateinisch Abbatia Eberbacensis, was sofort klarstellte, dass uns hier nichts vorgespielt wurde.
Das Kloster
Gegründet wurde das Kloster am 13. Februar 1136 als Zisterzienserkloster. Die Zisterzienser hatten eine einfache Lebensregel: Die Mönche sollten von der Arbeit ihrer eigenen Hände leben. Das machte das Kloster für Adlige weitgehend unattraktiv – was beweist, dass soziale Selektion auch ohne Algorithmen funktionierte. Die Brüder stammten aus nichtadligen Schichten, arbeiteten hart, beteten viel und schufen dabei ganz nebenbei eine der beeindruckendsten Klosteranlagen Europas.
Der Weinbau
Nebenbei revolutionierte das Kloster den Weinanbau. Es erweiterte die Rebflächen im Rheingau und Mittelrheintal in einem Ausmaß, das selbst moderne Förderprogramme erröten lässt. Im Heiligen Jahr 1500 wurde das „Große Fass“ erstmals gefüllt – 71.000 Liter Wein. Später verkaufte man jährlich rund 200.000 Liter nach Köln. Man könnte sagen: Die Mönche hatten ein tragfähiges Geschäftsmodell, lange bevor das Wort existierte.
1803 war dann Schluss. Köln schwenkte dann von Wein auf Kölsch um, welch ein Abstieg – vielleicht schon ein Vorzeichen für den FC Kölle. Ein Dekret von Fürst Friedrich August von Nassau löste das Kloster endgültig auf, mit einer bürokratischen Akribie, die man nur bewundern kann. 22 Mönche mussten gehen. Die Akten blieben.
All dies wussten wir. Und genau deshalb war klar: Gegen diese Geschichte würde es Lego schwer haben.
Die Ausstellung
Zunächst hatte es das ohnehin, denn wir hatten Mühe, die Ausstellung überhaupt zu finden. Wir irrten ziellos durch die Klosteranlage, liefen durch Hallen, in denen jahrhundertelang gebetet, gearbeitet und Wein erzeugt worden war – aber kein einziger gelber Legokopf blickte uns an. Nach endlosen 47 Minuten (eine Zeitspanne, die im Klostermaßstab als „kurz nach der Terz“ gilt) fanden wir schließlich den Eingang.
Dann traf es uns.
Welten aus den 1960er Jahren
Schiffe, Eisenbahnen, Häuser in einer Vielfalt, die jeden Bebauungsplan zur Kapitulation gezwungen hätte. Und dann: die berühmten Legokisten mit dem Sperrholzschiebedeckel. Ich hatte auch so eine gehabt. Der Flashback war sofort da. Ich wusste augenblicklich, in welchem Schrank, auf welcher Höhe, an welcher Stelle diese Kiste vor sechzig Jahren gestanden hatte. Zeitreisen sind möglich. Man braucht nur Lego.
Lego geht in die Welt
Lego entwickelte sich weiter, eroberte die Welt. Weder New York noch Hogwarts waren sicher vor den Steinen. Technisch anspruchsvolle Autos tauchten auf, Batmobile, John-Deere-Traktoren. Selbst die Energiewende war vertreten: Tagebau, Windräder, alles da. Offenbar hatte Lego verstanden, dass Zukunft nur dann funktioniert, wenn man sie vorher zusammensteckt.
Lego erfindet Starwars neu
Der Höhepunkt aber war der Schritt ins Weltall. Mit Yoda, R2D2 und Prinzessin Leia kämpften wir gegen Darth Vader. Epische Figuren in epischen Schlachten, aufgebaut über unzählige Quadratmeter – ein Universum, das selbst dem mittelalterlichen Weltbild der Mönche Respekt abgenötigt hätte.
The Sound of Lego
„Der Klang, der aus einer halb bis zwei Drittel gut gefüllten Lego-Box ertönt …, wenn man mit den Fingern der rechten Hand durch etwa siebenhundert Steine kämmt, um einen blauen Vierer zu finden. Dieser Klang ist absolut einmalig. Er lässt sich durch nichts beschreiben oder ersetzen: nicht durch Kiesel, die in der Meeresbrandung aneinander scheuern, nicht durch akustisch verstärkte quasistellare Radioquellen. LEGO-Kisten sind einzigartig.“
(Quelle: LEGO Ausstellung Plakat)
Es geht wieder los
Das ist wohl die eigentliche Verbindung von Lego und Kloster: Beides sind Orte der Kontemplation. Der eine aus Stein, der andere aus Kunststoff. Beide führen – auf ihre Weise – zur Erleuchtung. Unsere persönliche Erleuchtung fanden wir dann in der Klosterschänke gut verpflegt mit Bier und deftigem Klosteressen, danach bewegten wir uns wieder Richtung Bergen-Enkheim.
Aber was musste ich dann feststellen: Es geht wieder los…

























Ah wie niedlich, der Ebbelwoi-Express!! Hat der einen schönen Platz bekommen?
… natürlich, sogar hinter Glas …
Coole Expedition ins Reich der Legosteine und Legophilosophie! Vor allem der Sound of Lego versetzt mich sofort in die Kindheit zurück.
Großartig geschrieben! Die Erkenntnis, dass Kloster und Lego etwas gemeinsam haben, nämlich die Kontemplation – da muss man drauf kommen, große Klasse!
Wie schön ist es, dass die erkenntnisreiche Zeitreise in den Rheingau zuhause mit dem Bau des Ebbelwei-Express ihren in die Zukunft gewandten Abschluss findet. Ist doch die Fahrt in der historischen Straßenbahn, ohne Absicht ein Ziel zu erreichen, als reiner kontemplativer Selbstzweck, ein wunderbares Bild, in dem sich das Reisen, der Blick in die Welt, der Wein und das ganz bei sich sein vereint. Genial!
Sehr amüsanter, lehrreicher Artikel!
Solche Ausstellungsrezessionen solltest Du öfter machen!
Hat Spaß gemacht, es zu lesen!!!