Kilimanjaro

Tansania im Januar 2022

Es ist der zweite Anlauf. Nicht mehr der erste Traum, sondern der wieder aufgenommene Gedanke, der sich weigert, abgeschlossen zu sein. 2019, die Marangu-Route, diese vermeintlich leichtere Linie am Berg, hatte mich abgewiesen. Das Wort „scheitern“ passt nicht recht, denn geblieben sind Bilder: der Moment des Stillstands, dieses unscheinbare, endgültige „es geht nicht mehr“. Er hat sich festgesetzt, und seither kehrte die Frage wieder, leise, hartnäckig, fast unverschämt: Hätte es doch klappen können?

Jetzt also Januar 2022. Das Rückspiel, wie man im Stillen sagt, obwohl der Berg keine Spiele kennt. Ich bin gut vorbereitet und zugleich respektvoll, beinahe vorsichtig, nervös in einer Weise, die man nicht abschütteln will. Corona liegt hinter uns allen wie ein schwerer Winter, jeder tastet sich zurück ins Leben, und diese Expedition gehört zu den ersten, die wieder hinaufgehen: akklimatisiert am Mount Meru, und nun zum Kilimanjaro, zum höchsten Punkt Afrikas.

Fünf Etappen liegen vor dem Team, fünf Tage des Gehens, des Wartens, des inneren Abgleichs. Und irgendwo über all dem steht das Ziel:

Ich will den Sonnenaufgang über der Wiege der Menschheit sehen.

Fünf Etappen, fünf Tage des Gehens, des Wartens, des inneren Abgleichs – und über allem dieser Berg, der nichts verspricht und nichts erklärt.

Kilimanjaro Tag 1: Machame Camp

Kilimanjaro Tag 1: Machame Camp

Die erste Etappe beginnt nicht mit dem Schritt, sondern mit dem Sitzen. Mit der Busfahrt zum Machame Gate, 1.840 Meter über dem Meer, noch fern von der eigentlichen Höhe und doch bereits Teil des Weges. Am Gate dann das Warten, die Registrierung, das Zuschauen.Unsere...

Kilimanjaro Tag 2: Shira Caves

Kilimanjaro Tag 2: Shira Caves

Der Morgen im Machame Camp beginnt nach der ersten Nacht im Zelt. Das Frühstück ist einfach, verlässlich, ein Übergang zwischen Schlaf und Aufbruch. Noch liegt der Urwald um uns, aber man spürt bereits, dass er uns nicht halten wird.Mit den ersten Schritten lichtet...

Kilimanjaro Tag 3: Lava Tower

Kilimanjaro Tag 3: Lava Tower

Die dritte Etappe spannt einen Bogen, der nicht nur nach oben führt. Vom Shira Camp auf 3.840 Metern hinauf zum Lava Tower, 4.630 Meter, und von dort wieder hinab zum Barranco Camp auf 3.950 Metern. Ein Tag der Bewegung in beide Richtungen, ein Tag, der erklärt, was...

Kilimanjaro Tag 4: Breakfast Wall

Kilimanjaro Tag 4: Breakfast Wall

Der Tag beginnt im Barranco Camp, 3.950 Meter, und führt hinauf zum Barafu Camp auf 4.673 Metern. Ein Tag, der früh anfängt. Um fünf Uhr das Aufstehen, um halb sechs der erste Schritt. Die Trekkingstöcke geben wir für diese Wegstrecke ab. Wir brauchen die Hände.Vor...

Kilimanjaro Tag 5: Uhuru Peak

Kilimanjaro Tag 5: Uhuru Peak

Die fünfte Etappe beginnt und führt zum Gipfel, Uhuru Peak mit 5.896m. Dazwischen liegt alles. Um kurz vor 23 Uhr das Wecken. Die Nacht ist da, sofort, dicht, kalt. Ich gehe nicht allein. In der langsameren Gruppe sind wir zu viert. Das wird gut werden.Der Weg ist...

Kilimanjaro Tag 6: Abstieg

Kilimanjaro Tag 6: Abstieg

Am nächsten Morgen kommt das Gehen zum Stillstand. Wir verabschieden uns von unserem Team, von jenen, die diesen Weg mit einer beständigen, beinahe unerschütterlichen guten Laune begleitet haben. Ich habe die Ehre die Abschieds- und Dankesrede halten. Die Worte kommen...

Am Ende der Pfade, dort, wo das Licht der Höhe nicht mehr blendet, sondern sich langsam ins Tal zurückzieht, stellte sich Schweigen ein. Ein Innehalten, das wusste, dass es einen Unterschied gibt zwischen dem Erreichen eines Punktes und dem Erkennen dessen, was geschehen ist.

Der Kilimanjaro hat gerufen, nicht laut, nicht feierlich, sondern mit jener Selbstverständlichkeit, der man folgt, ohne sie erklären zu können. Oben, in der klaren, unerbittlichen Höhe, wurde jeder Atemzug zu einer Entscheidung, jeder Schritt zu einem leisen Tausch: Kraft gegen Aussicht, Atem gegen Gegenwart.

Die Höhe gibt frei, was unten verdeckt bleibt. Sie öffnet den Blick, aber sie verlangt auch ihren Preis. Dort oben ist der Mensch in Körper und Geist unverstellt und klar. Der Körper zählt nach, die Gedanken werden scharf.

Über 45 Kilometer Strecke, durch alle Vegetationszonen der Erde bis auf 5.895 Meter über dem Meer und dort im Sonnenaufgang mit Blick auf die Wiege der Menschheit. Die nackten Zahlen, eingetragen wie Spuren in den Lavastaub, brauchbar für Berichte, untauglich für das, was sich verschoben hat. Denn das Entscheidende liegt nicht in den Beinen. Es liegt in der Haltung, die man mit zurücknimmt.

So kehre ich zurück. Nicht als derselbe, der aufgebrochen ist. Sondern als einer, der erfahren hat, dass Berge – und dieser Berg im Besonderen – nicht nur Landschaft sind, sondern Eingriffe. Spuren, die bleiben, ohne sichtbar zu sein.

Und die Momente am Gipfel: Sie sind nicht festzuhalten. Aber sie sind da. Unverlierbar.

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